Eine kleine Kunstgeschichte
Kunststile und Kunstepochen
Es ist immer schwierig, die Lebenswirklichkeit mit abstrakten Begriffen, Definitionen und Kategorien in Einklang zu bringen. Diese Aufgabe möglichst überzeugend zu erledigen, gehört zum Beruf des Juristen. Deswegen wird ihm das bei der Kunstgeschichte nicht besser gelingen, als den Profis der Kunstgeschichte, aber vermutlich wird ein Jurist den damit verbundenen Konflikt „recht gut“ aushalten können. Überhaupt gibt es auf dieser Internetseite keinen wissenschaftlichen Anspruch, sondern nur den einer interessierten Unterhaltung.
Bei der Beschäftigung mit der Kunstgeschichte offenbart sich schnell das Problem, dass Entwicklungen auch in der Kunst nicht linear und zudem lokal variabel verliefen. Ein ziemliches Durcheinander kann man bisweilen konstatieren und doch ist gelegentlich eine Richtung zu erkennen.
In weiter Vergangenheit bedurften Veränderungen manchmal 200, 300 Jahre, so dass jeder Stil auch gleich eine Epoche ausmachte. Die Zyklen wurden immer kürzer und mündeten letztlich in dem Stil-Stakkato des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Mit dem Ende des Rokoko ist es mit der Übersichtlichkeit vorbei. Ab hier überschlagen sich schon vor der modernen Malerei die Kunstströmungen. Binnen 15 Jahren, von 1830 bis 1845 traf man (nachfolgend abgehandelt) Realismus, Biedermeier, Orientalismus, Romantik und Klassizismus, also 5 Kunstströmungen zeitgleich an.
Die Kunstgeschichte ist die geronnene Zusammenfassung der Werke ihrer Künstler. Die Künstler finden nachfolgend im wahrsten Sinne des Wortes nur am Rande eine Erwähnung. Lesen Sie gerne deren Vita und staunen. Die Lebensläufe geben einen schönen Einblick in das Denken und Erleben dieser Zeit und ihrer genialen Kinder.
Romanik (950 - 1200)
Die ersten knapp 3.500 Jahre der Antike und die 500 Jahre der Vorromanik (Merowingische Kunst, Karolingische Kunst und Ottonische Kunst) überspringen wir großzügig. Diese „lang-weilige“ Zeit verging sicher schnell und so können wir uns mit großen Schritten auf viel interessantere und hellere Epochen zubewegen und dabei werden wir ohnehin vielfach Rückblicke in die Antike erleben. Romanische (weiter unten gibt es dann auch noch ein „t“ dazu) Kunst wird man vor allem in Gestalt von Bauwerken antreffen. Die Bezeichnung „Romanik“ kam erst im 19. Jahrhundert auf und sollte darauf hinweisen, dass man in dieser Zeit viele Formelemente aus römischer Zeit (et voilá) verwandte.
Die Kenntnisse in der Statik waren noch nicht so weit gereift, dass man Kirchen in der Größe der nachfolgenden Gotik hätte errichten können. Die romanischen Kirchen haben daher dicke Mauern und sind bei weitem nicht so hoch. Man kann sie an verschiedenen Elementen erkennen, wie etwa an den Rundbögen und an den i.d.R. kleinen Fenstern, die häufig als Doppelbogenfenster ausgeführt wurden. Die Rundbögen waren den römischen Triumphbögen entlehnt, die mit ihrer großen Bogendurchfahrt in der Mitte und den beiden kleineren Bögen links und rechts die Grundstruktur vieler Kircheneingänge (auch noch in der Gotik, wenn auch mit anderer Geometrie) bilden. Beim Dom zu Speyer kann man dies schön sehen.
Die Malerei fand sehr viel in Büchern statt. Die üblicherweise christlichen Darstellungen zeigen eher zweidimensional wirkende Menschen und Tiere. Anstelle eines realen Hintergrundes, etwa einer Landschaft wird häufig Gold aufgetragen. Die Bilder hatten freilich auch eine andere Aufgabe, als heute. Die Luther-Bibel gab es noch nicht und viele Menschen konnten schlicht die lateinischen Bibeltexte nicht lesen oder im Gottesdienst verstehen. Bilder und Skulpturen veranschaulichen, erzählen und lassen Emotionen nachempfinden, die die christliche Heilsgeschichte zu erzählen wusste. Die Hochromanik war zudem die Zeit der Ritter. In dieser Zeit entstanden viele Burgen.
Gotik (1150-1500)
Gotisch war ein im 16. Jahrhundert moderner Begriff, den man gerne dazu verwandte, zu deklassifizieren. Er war ein Synonym für „barbarisch-germanisch“. Die Goten waren so unfreundlich und fielen während der Zeit der Völkerwanderung in Italien ein. Das prägte eine gewisse Antipathie zu dieser Volksgruppe und deren Lebensstil. Man wollte nun im Süden eine Abgrenzung zur Kunst Nordeuropas herstellen, die weitgehend frei von römischen Einflüssen und damit für diese Betrachter unattraktiv war.
Dennoch bauten diese barbarisch-germanischen Menschen einfach großartige Kirchen. Filigrane Fassadenelemente streben Himmelwärts wohin man auch nur schaut. Man denke an den Kölner Dom, das Ulmer Münster oder die Kathedrale von Reims. In dieser Zeit hatte man auch das statische Problem gelöst, weite Flächen zu überwölben und: ganz andere Bauhöhen konnten jetzt realisiert werden (nota bene: die Sagrada Familia übertraf erst 2026 die Bauhöhe (161 Meter) des Ulmer Münsters (Bauzeit 1377-1890) als höchste Kirche der Welt). Man erstellte ein Strebwerk von Strebbögen und Strebpfeilern, die sozusagen in zweiter und dritter Reihe noch Kräfte abfingen. So konnten auch die Mauern schlanker werden und es entstand diese zerklüftete Fassade. Die Rundbögen wurden zudem durch Spitzbögen ersetzt.
Aufgrund der Verarbeitung der christlichen Themen war auch klar, wo sich die meiste Kunst befand: in Klöstern und Kirchen. Und dort herrschte die Freskomalerei sowie die Tafelmalerei vor. Die (Flügel-)Altäre waren aus Holz. Auf ihnen wurde gemalt. Als dritter Kunstträger für Bilder hielten die prachtvoll ausgestalteten Bücher her, wie man sie in der Piccolomini-Bibliothek im Dom von Siena bewundern (I) kann. Da die Fenster in den Kirchen jetzt größer ausgeführt werden konnten, wurde es möglich, das Klarglas durch bunte Fenster zu ersetzen. Es entstand ein neuer Zweig der Glasmalerei.
Bei den Bildgestaltungen sind die Menschen häufig noch von einem Goldhintergrund umrahmt, aber allmählich entfernte man sich hiervon und stellte den Hintergrund naturnaher dar. Erleichtert wird die Herstellung von realitätsnaher Darstellungen durch die Ölfarbe, die eine bessere plastische Modellierung der Körper durch Licht und Schatten ermöglicht. Sie war zwar schon früher bekannt, setzt sich aber erst jetzt durch. Und so kamen zunehmend auch profane Bildthemen auf die Holztafel. Landschaften, Stadtansichten, Jagdszenen, höfisches Leben. Erste Porträts entstanden. Wer es sich leisten konnte, bemühte sich, sich auf diese Weise zu verewigen oder den vergänglichen Moment des aktuellen Lebens zu bewahren. Die Kunst bekommt eine individuelle Dokumentationsfunktion, so wie die Fotos in unseren Tagen.
Renaissance und Manierismus (1420 - 1600)
In der Renaissance machen sich die Früchte des langen Nachdenkens einiger Menschen endlich bemerkbar (Was haben die alle in den 10.000 Jahren vor Christus den ganzen Tag nur gemacht?). Es setzt sich ein erster „Rationalisierungsprozess“ durch. Es entsteht ein Bank-und Kreditwesen, die doppelte Buchführung wird entwickelt (vermutlich gab es auch schon so etwas wie die GOB, aber die Quittungen bestanden noch aus Steintafeln, was die Ablage erschwerte), es entwickeln sich Methoden der Staatsführung und Diplomatie (vgl. Niccolò Machiavelli, 1469-1527). In der Kunst wird an den Darstellungsmethoden gefeilt. Künstler beobachten die Natur. Die Zentralperspektive wird entwickelt und für perfekte Perspektiven in den Bildern verwendet und die Bilder bekommen realistische Hintergründe. Mehr noch, der Hintergrund wird zum eigentlichen Motiv, indem die Landschaftsmalerei aufkommt.
Die Künstler setzen sich intensiv mit dem menschlichen Körper auseinander (also auch anders…). Da Vinci vermaß junge Männer und führte verbotene Sektionen durch oder nahm an ihnen teil, um den menschlichen Körper zu studieren. Die idealen Proportionen werden diskutiert (homo bene figuratus). Jeder kennt die Proportionsstudie von Da Vinci, dem Mann mit ausgestreckten Armen im Kreis, der allerdings schon vom antiken Architekten und Ingenieur Vitruv entwickelt wurde. So war es schon immer. Der eine hat die Idee, aber ein anderer zündet sie an und macht etwas daraus. Überhaupt: Vitruv wurde wieder ganz wichtig. Man lebt in der „Renaissance“, der Wiedergeburt der Antike. Deren Themen wurden in der Kunst wieder neu aufgegriffen. Vitruv (circa 84-14 v. Chr.) war Architekt und Bauingenieur. Er hatte das einzige, auch heute noch erhaltene Werk der Architektur der Antike verfasst. Die „Zehn Bücher über Architektur“ sind eine umfassende Darstellung der Architektur und des Bauingenieurwesens der Antike. Nach dem Werk wurde gesucht und man wurde in der Klosterbibliothek von St. Gallen fündig. Es folgten rasch Übersetzungen, auch ins Deutsche (1548).
Proportionen wurden eine zentrale Größe des Denkens und Gestaltens. Die italienischen Baumeister versuchten den menschlichen Körper abstrakt mathematische Proportionen zuzuweisen und dies auch in Gebäuden umzusetzen. Nun wurde auch der „Goldene Schnitt“ erdacht. Im Kirchenbau wurde etwa das Mittelschiff doppelt so hoch wie breit ausgeführt.
Man verstand nun Kunst nicht mehr nur als Instrument, um dem Menschen die Größe Gottes vorzuführen und das Dasein zu deuten, sondern empfand sie als Bereicherung des Lebens. Man schmückte sich mit Kunst. Sie wurde Bestandteil der intellektuellen und moralischen Bildung. Die Familie Medici investierte ihren Reichtum intensiv in Kunstwerke und förderte die Künstler. Den Medici hat Florenz viele bedeutende Bauwerke zu verdanken. Auch gehen die Galleria degli Uffizi mit ihrer weltberühmten Gemäldesammlung oder die Kunstschätze im Palazzo Pitti auf die Medici zurück.
Die Maler der Renaissance schafften großartige Werke. Der bedeutendste deutsche Maler war Albrecht Dürer, in den Niederlanden glänzte Hieronymus Bosch und Italien bot Maler wie, Raffael, Michelangelo, Leonardo Da Vinci und Boticelli auf, um mit Abstand den Sieg zu erringen. Das mag vermessen klingen, aber die Zeitgenossen hatten diesbezüglich keine Zweifel. Ganz Europa schaute nach Italien.
Der Manierismus war ein „eigenartiger Kunststil (ital. maniera „Manier“, Stil), in der Epoche der Renaissance von circa 1520 bis 1620. Die Figuren verloren absichtlich die möglichst naturgetreue Abbildung. Die Menschen besaßen häufig zu kleine Köpfe, zu lange Hälse und Finger und etwas unnatürliche, gestelzte Körperhaltungen. Parmigiano ist mit seinem Madonnen-Bildnis hierfür ein gutes Beispiel, ebenso El Greco.
Die Schule von Fontainebleau umfasst viele Künstler, die teils bekannt, teils unbekannt sind. Nach den Kriegen mit Italien Ende des 15. Jahrhunderts erkannte man die kulturelle Blüte Italiens und König Franz I. war Anfang des 16. Jahrhunderts bemüht, die kulturelle Blüte nach Frankreich und hier insbesondere in sein Domizil, zu Schloss Fontainebleau, südlich von Paris zu holen. Viele Künstler folgten seinem Ruf. Man unterscheidet die erste Schule (1530 bis 1570) und die zweite Schule (1590-1620). Es gibt eine Reihe von Bildern, die noch sehr bekannt sind. So hängt im Louvre das Bildnis Gabrielle d’Estrées mit ihrer Schwester, der Herzogin von Villars, das vermutlich fast jeder kennt. Zwei barbusige Frauen in einer Badewanne. Die eine greift mit dem Pinzettengriff an die Brustwarze der anderen Frau und diese wiederum hält einen Ring in der Hand. Im Hintergrund sieht man durch einen geöffneten Vorhang eine Haushälterin. Übrigens hängt ein zweites Bild davon mit leicht geänderter Szene (eine von zwei Frauen sitzt nackt auf dem Wannenrand und der Vorhang dahinter ist geschlossen) in den Uffizien in Florenz. Viel Mythen ranken um diese Frau und das (bekanntere) Bild. Sie war die Geliebte König Heinrichs IV.. Er war verheiratet, lebte aber mit seiner geliebten Gabrielle zusammen, die ihm vier Kinder schenkte. Eines davon bildete die Adelslinie aus der ein paar Generationen weiter Ludwig XV. hervorging. Heinrich ließ die Ehe mit seiner Frau annullieren und wollte 1599 Gabrielle heiraten. Diese starb aber aus ungeklärter Ursache kurz vor der Hochzeit. Die einen sagen, es war Mord (Vergiftung), die anderen sagen, es war eine Fehlgeburt. Keiner weiß nichts genaues. Heinrich Mann hat hierüber einen Fortsetzungsroman verfasst . Kabale und Liebe, wie immer halt.
Der 64 Meter lange Gemäldegang, der so in Fontainebleau entstand, war europaweit berühmt. Und hier gab es auch kein einziges Gemälde mit religiösem Hintergrund, dafür aber erotische Darstellungen. So ändern sich die Zeiten.
Barock (1600 - 1730)
L´etat – c´est moi. Ludwig XIV. formulierte diesen Satz, um seinen absoluten Herrschaftsanspruch Ausdruck zu verleihen. Der Hofstaat in Frankreich war das Maß der Dinge in Europa. Die Kunst führte Repräsentation, Überfluss und exaltierte Lebensführung der herrschenden Klasse vor. Es musste maximal aufwändig, aber freilich auch ästhetisch sein. Versailles und hier insbesondere der Spiegelsaal mit seiner festlichen Ausgestaltung und die Gärten, ja schon der umrahmende Zaun führten dies vor.
Der Sakralbau wird komplexer. Die rechten Winkel im Grundriss werden von Bögen und Ellipsen abgelöst. Ein schönes Beispiel ist der Grundriss der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen. Es gibt viel Stuckarbeiten, die teilweise in Gemälde übergehen und Scheinarchitektur, die Proportionen verändert oder Marmor vortäuscht, wo nur Stuck und Farbe sind.
Michelangelo Merisi da Caravaggio verstand es in seinen Bildern perfekt Hell und Dunkel darzustellen. Gruselige Dunkelheit neben Scheinwerferlicht. Man kann es nicht beschreiben, man muss es sehen. Gian Lorenzo Bernini war ein Star unter den Bildhauern seiner Zeit und Maler und Architekt noch dazu. Er verstand es virtuos, Marmor zum Leben zu erwecken. Auf dem Piazza Navona in Rom veranschaulicht dies der Vierströmebrunnen.
Die Niederlande brachten berühmte Maler hervor, wie Pieter Bruegel der Ältere, Rembrandt Harmensszoon van Rijn oder Jan Vermeer van Delft.
Im Barock gab es viele Entwicklungen. Die Kunst strotzt vor Luxus, Verschwendung und Intensität. Die Künstler schufen mit ihren Bildern Diorahmen kleiner Theaterbühnen. In den Gemälden wollte man einen möglichst realistisch aussehenden Ausschnitt der Wirklichkeit zeigen und dabei mit nicht selten theatralischen Szenen Emotionen befördern. Anschaulich vermittelt dies Caravaggios Bild Judith und Holofernes. Caravaggio war ein exponierter Vertreter der Chiaroscuro-Technik (Hell-Dunkel-Darstellung), die die Theatralik unterstützt und Schlaglichter setzt.
Die Menschen werden nicht starr abgebildet, sondern der Betrachter ist Zeuge eines Aufmerksamkeit einfordernden Momentes. Das Mädchen mit dem Perlenohrring von Johannes Vermeer ist ein schönes Beispiel für diese Momentaufnahmen. Das Mädchen hat sich gerade umgedreht und schaut einen mit leicht geöffneten Mund an, als wäre sie vom Bildbetrachter angesprochen worden und im Begriff, mit einem Ja, bitte? oder Ähnlichem zu antworten. Das Stillleben entwickelt sich zu einem eigenen Genre. Hier wird farbgewaltig Überfluss und Vergänglichkeit des Alltäglichen dargestellt. Dabei wird die Farbe nicht selten mit der Impasto-Technik fett aufgetragen. Dazu gesellt sich die Genremalerei, die einen Höhepunkt erfährt.
Rokoko (1730-1770)
Der Begriff Rokoko ist vom französischen Begriff Rocaille (Muschelwerk) abgeleitet. Tatsächlich findet man im Rokoko vielfach diese muschelartigen Verzierungen, wobei die Schnörkel drumherum kaum noch die Muschel erkennen lassen. Es entsteht vor allem in Gebäuden der Eindruck, der Gips würde pflanzenartig wuchern.
Das Rokoko bleibt am Ende aber eine filigrane Ableitung aus dem Barock. Es wird daher auch angezweifelt, dass es sich um eine eigene Kunstepoche handelt. In den feinen Kreisen finden kleine Gebrauchsgegenstände großen Anklang. Dazu trägt die Verbreitung des Porzellans bei, aus dem nicht nur feines Geschirr entsteht, sondern auch Figuren und kunstvoll bemalte Döschen. Schloss Sanssouci (Ohne Sorge) in Potsdam ist bautechnisch ein idealer Vertreter des Rokoko.
Klassizismus (1750-1840)
Nach Romanik und Renaissance fand hier der dritte Anlauf statt, sich aus der Antike zu bedienen. Die griechische und die römische Baukunst standen hoch im Kurs. Aktuelle Ereignisse, wie die 1748 begonnene Ausgrabung von Pompeji haben sicher zur Inspiration beigetragen. Eine komplette Abwendung der Ästhetik vom Barock und Rokoko. Klare Formen und eine gewisse Schlichtheit setzen sich durch, aber mit Rekurs auf die Antike.
Karl Friedrich Schinkel entwarf die "Neue Wache" in Berlin; sie gleicht einem antiken Tempel in erstaunlicher Weise. Sehenswert auch das von ihm entworfene Rathaus in Zittau. Carl Gotthard Langhans war der Architekt des Brandenburger Tores, das sich hier auch perfekt einfügt. Dazu gehört auch die Quadriga auf dem Dach mit der Siegesgöttin Victoria, die mit vier Pferden im römischen Streitwagen daherkommt (erschaffen von Johann Gottfried Schadow). Das gleiche gilt für die Walhalla am Donauufer. Georges-Eugène Haussmann gestaltete im Auftrag Napoleon III. das Stadtzentrum von Paris intensiv um und entwarf ganze Straßenzüge im Klassizismus unter Begleitung der Académie des Beaux-Arts. Das Panthéon verkörpert dabei herausragend den Baustil. Das Paris ohne den Eifelturm, das wir alle bildhaft im Kopf haben, ist das Paradigma für den Klassizismus.
„Mars wird von Venus entwaffnet“ von Jaques Louis David hängt in den Musées royaux de Beaux-Arts de Belgique in Brüssel und verkörpert gleichermaßen perfekt den Stil des Klassizismus. Gleichwohl es beinahe in jedem Wohnzimmer wie Kitsch aussehen würde, ist es ein beeindruckend schönes Bild.
David´s Bild „Der Schwur der Horatier“ ist eine Ikone des Klassizismus. Das 326 × 425 cm große Gemälde zeigt drei römische Brüder, die ihrem Vater die Treue schwören, um Rom im Kampf zu verteidigen. Das Bild repräsentiert den endgültigen Bruch mit der Verspieltheit des Barock und Rokoko, indem es heroischen Patriotismus an dessen Stelle setzte.
Ergänzt wird die kurze Sammlung durch das wohl bekannteste Bild von Johann Wolfgang von Goethe, das in voller Pracht im Städel – Museum in Frankfurt/M. hängt („Goethe in der römischen Campagna“). Gemalt ist es von Johann Heinrich Wilhelm von Tischbein ("Goethe-Tischbein") und wohl einem unbekannten Maler. Angeblich stellte es Tischbein nicht fertig, dafür aber der Unbekannte. Unbekannt ist auch, welcher der beiden Maler für die Füße von Goethe auf dem Bild verantwortlich zeichnet. Denn Goethe hat auf dem Gemälde gleich zwei linke Füße. Da ein Irrtum ausgeschlossen ist, mag man darüber sinnieren, ob es diesbezüglich ein Sendungsmotiv gab…
In Frankreich bildet sich der Klassizismus auch stark in der Inneneinrichtung ab. Man nennt die Einrichtungsart „Empire-Stil“. Sie zeichnet sich durch viel dunkles Holz (Mahagoni) und Blattgold aus. Filigran und dennoch hochwertig sollte es sein. „Klassisch“ auch die Kleidung der Frauen, die zu dieser Zeit die Kleider trugen, die bereits unter der Brust tailliert waren.
Romantik (1790-1850)
Die Romantik war oft Landschaftsmalerei (v.a. bei Malern in England). Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt, sondern die Natur. Schön demonstriert dies etwa das Bild von Caspar David Friedrich: „Wanderer über dem Nebelmeer“. Hierzu zählen auch die Bilder von William Turner.
Die Romantik war der emotionale Gegenentwurf zur Aufklärung. Malancholie und Verträumtheit spiegeln sich in Landschaftsbildern. Es gibt eine Retrospektive auf das mystische verklärte Mittelalter. Sagenwelten und Burgen, Mondnächte und Nebel laden zum Träumen ein.
Die Burg Hohenzollern wurde in dieser Zeit im sog. Neo-gotischen Stil entworfen und zwischen 1850 und 1867 errichtet. Mit Verspätung gehört auch Schloss Neuschwanstein in die Kategorie der Romantik. Die Romantik war aber auch „Dramatik“. Davon zeugen die Bilder von Eugène Delacroix. Dramatische, tragische und leidenschaftliche Gefühle stehen im Mittelpunkt seiner Bilder.
Biedermeier (1815-1845)
Der Biedermeier war ein literarisches Pseudonym, das in den Achtzehnhundertsechziger Jahren parodistische Gedichte veröffentlichte. Der Pseudonym-Autor war harmlos, spießig und naiv. Diese Anschauung wurde dann später auf den Zeitabschnitt übertragen.
In der Malerei zeichnete sich der Biedermeier vor allem dadurch aus, dass er sowohl auf religiöse, als auch auf historische Motive weitgehend verzichtete. Bevorzugt entstanden zu dieser Zeit Landschaftsgemälde, aber auch Portraits. Ein eigenes Genre, das sich im Biedermeier entwickelte, sind die so genannten Zimmerbilder, die ausschließlich Wohnräume zeigen. Carl Spitzwegs Bilder, etwa „Der arme Poet“ gehören in diese kurze Epoche.
Orientalismus (1830-1880)
Romantisch beeinflusst war auch der Orientalismus als Seitenströmung. Es entwickelt sich ein Interesse für den nahen Osten und Nordafrika. Wüstenlandschaften, inspirierende Haremszenen und Sklavenhandel schwirrten über die Leinwände und durch die Köpfe. Gespeist war diese Entwicklung vermutlich durch den Ägyptenfeldzug Napoleons, der Eröffnung des Suezkanals und schlicht der kulturellen Fremdheit, die noch heute ihre Anziehungskraft hat. Für mich das großartigste Werk im Museo Del Prado in Madrid ist das knapp 2, 40 Meter hohe Bild „La Esclava“ von Antonio Fabres.
Realismus (1830-1866)
Der Fortschritt und die mit der Industriellen Revolution verbundenen Veränderungen brachen sich Bahn. 1830 fuhr erstmals ein Dampf betriebener Zug zwischen den Industriemetropolen Liverpool und Manchester und eröffnete damit den schnellen Siegeszug dieses neuen Transportmittels. 1885 verfügte allein Deutschland über ein Eisenbahnstreckennetz von knapp 40.000 km (Anmerkung: es ist seitdem nicht mehr gewachsen). Die Telegraphie breitete sich gleichermaßen rasend schnell aus. 1858 lag das erste transatlantische Überseekabel.
1851 glänzte London bei der Weltausstellung mit dem Kristallpalast, bei dem vorgeführt wurde, wie Stahl die Baukörper künftig beeinflussen würde (der Eifelturm und Hochhäuser in New York werden später die Prognose bestätigen). Die Fabriken in den Städten zogen sehr viele Menschen vom Land in die Stadt und es entstand ein verarmtes Proletariat, das in prekären Verhältnissen lebte.
Das alles greift der Realismus auf. Schluss mit der Gefühlsduselei der Romantik. Die Welt wird gezeigt wie sie ist, ohne religiöse oder mystische Motive. Die Kunst übt Gesellschaftskritik an Armut, Lebensbedingungen und soziale Ungleichheit. Ein bekannter Vertreter war der französische Maler Gustav Courbet, der bei der Weltausstellung 1855 seine Bilder unter dem Titel „Le realisme“ präsentierte. Courbet malte das Leben des Volkes und verachtete bürgerliche Ideale. Éduard Manet, der später zum Impressionismus wechselte, gehört ebenso in diese Epoche. Realismus intendierte indessen nicht unbedingt eine möglichst perfekte Abbildung der Realität; das zeigen schön die Gemälde von Honoré Daumier, dem dritten Künstler in diesem Bunde.
Historismus (1840-1900)
Den Weg von der Antike in das Mittelalter hatte schon die Romantik bereitet. Eine Ausprägung davon war in Deutschland das Bestreben, den unvollkommen errichteten gotischen Riesen, den Kölner Dom fertig zu stellen. Im Historismus besann man sich dann aber auch auf andere Zeitabschnitte, etwa der Renaissance. Die Semperoper in Dresden ist eine schöne Reminiszenz an die Baukunst in der italienischen Renaissance.
Teilweise beginnt man verschiedene Epochen in einem Gebäude zu vermischen. Ein Beispiel ist die ehemalige Hauptpost in Madrid (Palacio de Cibeles). Das nennt man dann Ekliktizismus.
Je nachdem, welchen Baustil man im Historismus verfolgte, bezieht man dies namentlich ein, etwa durch die Bezeichnung Neo-Gotik (z.B. das Neue Rathaus in München)oder Neo-Barock (z.B. Opéra Garnier in Paris.
Salon de Paris (1667-1880)
Der Salon de Paris (1667-1880) war eine regelmäßige Kunstausstellung, die von König Ludwig XIV. bereits 1667 geschaffen wurde, um den höfischen Kunstgeschmack publik zu machen. Der Salon entwickelte sich langlebig zu einer Institution des Kunstbetriebs in Frankreich. 1855 besuchten knapp 900.000 Kunstinteressierte die Ausstellung mit vielen tausend Künstlern. Schon Mitte des 18. Jahrhunderts wurde eine Jury etabliert, die darüber entschied, wessen Werke ausgestellt werden und wessen Werke darüber hinaus prämiert werden sollen. Die Jury stand schon im 19. Jahrhundert in der Kritik, große Werke und Kunstströmungen den Zugang zu versagen.
Die später sogenannte Salon- Malerei zeichnete sich durch einen streng akademischen, klassizistischen Stil aus. Große Gemälde mit historischen oder mythologischen Darstellungen standen hoch im Kurs. Man orientierte sich gerne an der Antike und der Renaissance. Diese Darstellungsformen galten als noble Kunstgestaltung. Ein typisches Werk ist das Bild von Eugène Delacroix „Die Freiheit führt das Volk“, in dem die Julirevolution 1830 in Paris heroisch überzeichnet dargestellt wird.
Breits im 18. Jahrhundert entwickelte sich zu den Ausstellungen eine Kunstkritik. Einer der geschätzten Kritiker war Denis Diderot, der acht Salonkritiken verfasste und im 19. Jahrhundert gesellte sich Charles Baudelaire, ein langjähriger Freund von Édouard Manet dazu.
Es galt als besondere Ehre, im Pariser Salon ausstellen zu dürfen und es beförderte die allgemeine Aufmerksamkeit und die Karriere der begünstigten Maler; es winkten gesellschaftliches Ansehen, lukrative Aufträge und Ruhm. Es gab indessen auch zahlreiche abgelehnte Maler, die die Geschichte längst in die Annalen aufgenommen hat, wobei festzuhalten bleibt, dass diese abgelehnten Maler nicht schlechthin abgelehnt wurden, sondern vielmehr umgekehrt vielfach nur einzelne Werke von ihnen zugelassen wurden.
Die Diskussionen um die Ablehnung einzelner Werke teils arrivierter Maler waren seinerzeit schon derart intensiv, dass sich Napoleon III. bemühte, die Wogen zu glätten, indem er einen Salon des Refusés (Salon der Zurückgewiesenen) 1863 initiierte. Einige Kunsthistoriker sehen hierin die Geburtsstunde der Moderne.
Es zeigte sich am Ende, dass die Ausstellungen der Zurückgewiesenen mehr Zuschauer für sich verbuchen konnte, als der eigentliche Salon. Auch die Presse schenkte diesen Künstlern mehr Aufmerksamkeit, als den Anerkannten. Es wurde der Witz kolportiert, die arrivierten Künstler hofften insgeheim beim nächsten Salon abgelehnt zu werden, um größere Aufmerksamkeit zu bekommen. Dennoch wurden die Zurückgewiesenen kritisch beäugt.
Wir betreten nun die Moderne.
Die Fortsetzung mit dem Impressionismus folgt...
Modelle sollten sich bemühen, dem Porträt ähnlich zu sehen.
Salvador Dali